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Über Zweifel und Selbstliebe

Kennst du das Gefühl, dass die Zweifel an dir nagen? Dass deine Gedanken sich im Kreis drehen und du dich immer wieder fragst, was bloß die richtige Entscheidung ist? Ich möchte dir heute eine Geschichte erzählen, wie Zweifel ein Weg zu mehr Selbstliebe sein können.



Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich tief berührt hat. Auf einmal waren da wieder einmal soviele Zweifel in mir, wegen einer Kleinigkeit, der ich eigentlich nicht mehr meine Aufmerksamkeit schenken wollte. Langsam verlor ich echt die Nerven – die Entscheidung war getroffen, ich wusste, dass sie richtig war und trotzdem war da dieses ungute Gefühl, das einfach nicht verschwinden wollte.


Also habe ich nochmal nachgefragt, worum es hier eigentlich geht. Nach einigem hin und her sagte eine Stimme auf einmal: „Du tust so als wäre es schlecht sich Gedanken zu machen und zu planen und zu überlegen. Das ist doch berechtigt das zu tun.“ Jetzt war ich wirklich genervt – schon wieder dieses Thema. Ich wollte es rasch abschließen und habe gesagt: „Das stimmt. Da werde ich darüber nachdenken.“ Ich wollte mich gerade wieder etwas anderem zuwenden, als die Stimme energisch sprach: „Ich möchte, dass du JETZT darüber nachdenkst. Du nimmst mich nicht für voll. Nie hörst du mir zu.“ Auf einmal wurde ich hellhörig. Das war gar nicht Greta, mein Zweifel. „Wer spricht denn da?“ fragte ich verdutzt.


„Linda, deine Unsicherheit.“ war die Antwort. „Okay, ich dachte das ist Gretas Aufgabe?“ frage ich erstaunt. „Greta vermittelt dir nur die Zweifel, mit denen ich sie speise. Ich bin die Angst nicht genug zu sein. Der Teil von dir, der immer da ist. Ich möchte auch einmal gesehen und gehört werden. Ich warte schon solange darauf. Ich möchte nicht mehr vertröstet werden. Ich merke, dass du wieder vor mir weglaufen willst. Es reicht!!“ Ich schlucke, als ich das höre. „Komm einmal hier ins Licht, dann können wir uns anschauen, während wir sprechen.“ bat ich die Stimme.


Es dauerte ein paar Sekunden und dann stand Linda vor mir. Ihr Anblick hat mich ziemlich aus dem Konzept gebracht. Ich hatte erwartet ein unscheinbares Mauerblümchen zu erblicken. Stattdessen stand eine schlanke, vollbusige Frau mit einer blonden Löwenmähne vor mir. Sie war sehr gestylt: Das Make up saß perfekt, die Haare sahen aus wie frisch nach dem Friseur und sie trugt ein hautenges, pinkes Kleid und schwarze High Heels. Der Schmuck, den sie trugt, sah teuer aus. Ich blickte Linda mit großen Augen an.


Es dauerte eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann und sie fragte: „Hallo Linda, was möchtest du mir sagen?“ Es schoss sofort aus ihr heraus – es war offensichtlich, dass sie schon sehr lange auf diese Frage gewartet hatte: „Ich fühle mich allein gelassen von dir. Du hörst mir nie zu. Immer verurteilst du mich dafür, dass ich bin, wie ich bin. Ich will doch einfach nur von dir gesehen und geliebt werden. Dafür würde ich alles tun. Ich habe mich in den letzten Jahren so angestrengt, um dir zu gefallen. Ich habe mich verbogen und keine Mühe gescheut, damit du mich magst. Ich mir meine Haare so gestaltet, dass sie perfekt sind. Mein Busen ist auch optimiert. Meine Figur perfekt. Ich trage Kleidung, die all das optimal zur Geltung bringt. Ich habe den teuersten und schönsten Schmuck von allen. Und immer noch verstößt du mich. Immer noch bin ich nicht genug für dich. Immer noch willst du mich anders haben. Was muss ich denn noch tun, damit du mich siehst? Was muss ich denn noch tun, damit du mich liebst?“


Ich schlucke. Ich bekomme kein Wort heraus, ein Kloß steckt in meinem Hals. Ich ringe noch nach Worten, als sie schon fortfährt: „Ich habe Greta um Hilfe gebeten, damit du mir zuhörst. Sie hat immer wieder Themen für mich in dein Bewusstsein gebracht. Doch du hörst immer nur Gretas Worte, mich nimmst du nicht einmal wahr. Ich bin wie Luft für dich.“ Tränen kullern über ihre Wangen, als sie weiterspricht: „Eigentlich bin ich doch nur ein kleines Mädchen, das deine Liebe will. Nur stecke ich inzwischen in einem Körper, der das nicht mehr vermuten lässt. Solange suche ich schon nach deiner Liebe.“


Als sie das ausspricht steht auf einmal ein kleines Mädchen neben ihr. Es ist um die 7 Jahre alt, ihr Haar ist aschblond und hängt schlaff herunter. Sie trägt ein graues Kleid. Ihre Arme hat sie schützend vor ihrer Brust verschränkt. Sie steht mit überkreuzten Beinen da, ihr Blick ist auf den Boden gerichtet. Es scheint, als wäre sie am liebsten unsichtbar. Als mein Blick sie mustert, wirkt es so, als würde sie sich schämen, dass sie so aussieht, wie sie es tut. Ich bekomme noch immer keinen Ton heraus, mein Hals ist wie zugeschnürt. Mein Blick fällt wieder auf die erwachsene Linda und ich frage mich, wie man sich nur so verstellen kann. „Du verurteilst mich, das sehe ich an deinem Blick.“ platzt es aus ihr heraus. „Du willst, dass ich stark und mutig bin. Laut und sichtbar. Und das habe ich alles versucht für dich zu sein. Aber es war nie genug. Ich will doch nur spielen. Ich will doch nur ich sein. Was kann ich noch tun, damit du mich liebst? Wie muss ich sein, damit du mich lieben kannst?“ In ihrer Frage liegt soviel Verzweiflung und gleichzeitig Hoffnung.


Ich gebe mir einen Ruck und atme einmal tief durch, bevor ich sie liebevoll anlächle. Das hilft. Ich finde meine Stimme wieder und wie von selbst platzt es auf einmal aus mir heraus: „Linda, ich liebe dich. Ich finde dich toll, so wie du bist. Du bist wunderschön – egal, ob mit dieser Kleidung oder einem schlabbrigen Jogginganzug. Auch wenn du dir eine Glatze rasierst, bist du toll, wirklich.“


Ich bin selbst überrascht über meine Worte. Doch ich spüre, dass sie wahr sind. Ich fahre fort: „Es tut mir leid, dass ich so streng mit dir war. Ich war so abgelenkt von Dingen, die eigentlich gar nicht wichtig sind, dass ich das, was wirklich zählt, vergessen habe. Es tut mir leid, dass ich dich damit verunsichert habe. Danke, dass du so tapfer warst und immer nach neuen Wegen gesucht hast, um mich auf diese Dinge aufmerksam zu machen. Ich bewundere dein Durchhaltevermögen und deine Kreativität. Und deinen Mut dich anderen anzuvertrauen und um Hilfe zu bitten. Ich weiß, dass das ein riesiger Schritt für dich war. Danke, dass du den für mich gemacht hast.“


Jetzt wirkt Linda so, als würden ihr die Worte fehlen. Ihr Blick ist auf einmal ganz weich, ihre Augen strahlen und sind gleichzeitig voller Tränen. Ich spreche weiter: „Danke, dass du unermüdlich für mich da warst – immer und überall. Egal, was mich beschäftigt hat, du warst da, hast dich angepasst, um auf die Art und Weise mit mir zu kommunizieren, die ich gerade gebraucht habe. Jetzt bin ich bereit dich wahrzunehmen, dir zuzuhören, dich zu lieben und zu akzeptieren.“ Ich lächle, als ich ihr das sage und nehme sie in den Arm.


Die Umarmung ist zunächst steif – Linda, ist es nicht gewohnt, dass ihr jemand soviel Aufmerksamkeit schenkt, das merkt man. Mit der Zeit entspannt sie sich und schlingt auch ihre Arme und mich. Ihr Körper bebt, so sehr weint sie. Nach ein paar Minuten löse ich die Umarmung und blicke ihr tief in die Augen, als ich sage: „Bitte erinnere mich an all das, wenn ich es wieder vergesse. Gemeinsam sind wir so ein tolles Team. Ich bin so froh, dass du ein Teil von mir bist, wirklich. Danke für alles.“ Als ich das sage, spüre ich einen tiefen Frieden in mir. Linda sieht aus, als würde es ihr ähnlich gehen. Und da lächeln wir - beide.


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