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Ahimsa - gewaltlos zur Freiheit.

Aktualisiert: Jan 29

Ahimsa ist das oberste und vielleicht wichtigste Gebot auf dem Yoga-Weg. Wörtlich übersetzt bedeutet es „nicht verletzen“. Doch wie soll das in der Praxis funktionieren und was bringt mir das überhaupt? Ein Selbsttest.



Jeder der sich ein bisschen mit Yoga-Philosophie beschäftigt wird sehr bald auf den Begriff Ahimsa stoßen, der soviel bedeutet wie "nicht verletzen". Ahimsa reicht allerdings weit über den Verzicht körperlicher Gewalt hinaus. Es umfasst jegliche Form von Gewaltlosigkeit auf der körperlichen, geistigen und seelischen Ebene. Doch was bedeutet das jetzt genau? Und wie soll das überhaupt im Alltag funktionieren? Mit diesen Fragen habe ich mich in der vergangenen Woche sehr intensiv beschäftigt und Ahimsa einem Alltagstest unterzogen.



Wofür das alles? Gewaltlosigkeit ist kein Selbstzweck.


Früher habe ich mir immer gedacht: "Das klingt ja alles sehr nett aber in der Realität funktioniert das ohnehin nicht.", "Ich kann ja alleine nicht die Welt retten." oder "Warum sollte ich nett zu anderen sein, wenn sie es nicht zu mir sind?" Alles gute Argumente. Bis ich verstanden habe, dass Ahimsa kein Selbstzweck ist.


Yoga zeigt uns einen Weg zur Freiheit. Und Ahimsa ist ein erster großer Schritt dorthin. Denn solange ich glaube, dass ich gewisse Dinge nur bekommen, indem ich mich oder andere verletze, sperre ich mich selbst in einen Käfig und halte mich klein.

Indem wir uns bewusst dafür entscheiden auf Gewalt zu verzichten, erkenne wir unsere wahre Größe an und können unser gesamtes Potenzial ausschöpfen.


Schritt für Schritt zur Gewaltlosigkeit


Um Ahimsa zu üben, habe ich mich im ersten Schritt beobachtet, in welchen Situationen ich überhaupt verletze. Und zwar nicht nur die anderen, sondern auch mich selbst. Ich finde es sehr wichtig bei allen Übungen nicht auf uns selbst zu vergessen.

Denn ich kann nur dann aufhören andere zu verletzen, wenn ich mit mir selbst im Frieden bin.

Soweit so gut. Also los geht's.



Schritt 1: Beobachten und Achtsamkeit üben


Vor jeder Veränderung ist eine kleine Feldphase angebracht, in der ich nur beobachte und meine Achtsamkeit schule. In welchen Situationen verletze ich denn überhaupt? Das klingt ja einmal nicht so schwer.


Also habe ich bewusst beobachtet:

Wann verletze ich denn andere ?

Zunächst war ich mir sicher, dass ich das ja ohnehin nicht tue - schließlich schlage ich ja niemanden. Und in Zeiten von Corona ist ein Anrempeln in der U-Bahn auch nicht mehr gegeben.


Wenn ich meine Wahrnehmung aber ausweite auf feinere Ebenen, habe ich sehr bald festgestellt, dass ich vielleicht körperlich niemanden in meinem Umfeld verletze, sehr wohl aber mit meinen Worten oder Gedanken:

  • Wie oft wähle ich in einem Streit wenig liebevolle Worte für meinen Partner, um ihm die alleinige Schuld in die Schuhe zu schieben?

  • Wie oft verurteile ich andere Menschen innerlich, weil sie anders sind als ich?

  • Wie oft verwende ich abwertende Blicke, um dem anderen meine Überlegenheit zu demonstrieren?

  • Wie oft denke ich mir "So ein Idiot, dass er das nicht versteht." anstatt bei mir anzusetzen und mich zu fragen, ob ich mich vielleicht unklar ausgedrückt habe?

Puh, doch nicht so leicht. Alleine an einem Tag sind da ganz schön viele Beobachtungen zusammengekommen auf die ich nicht immer stolz war.


Doch ich bleibe dran und konzentriere mich auch einmal auf mich selbst:


In welchen Situationen verletze ich mich selbst?

Wann verletze ich mich körperlich?

  • Wie oft quäle ich mich in eine Yogaposition, nur weil sie sich ja gestern auch gut angefühlt hat?

  • Wie oft verharre ich im Alltag und bei der Arbeit in einer unbequemen Position, die zu Verspannungen führt, anstatt mir ein paar kurze Bewegungen zu gönnen?

  • Wie oft erlaube ich mir zu wenig Schlaf und Erholung?

  • Wie oft esse ich Dinge, die meinem Körper Energie rauben, anstatt ihn mit Nährstoffen zu versorgen?

Diese Liste könnte ich noch weiter ausführen aber ich denke es wird schon sehr deutlich, dass wir uns täglich sehr oft selbst körperlich verletzen.


Auf den feineren Ebenen schaut es leider auch nicht rosiger aus. Bei der Beobachtung meiner Worte und Gedanken habe ich festgestellt, dass diese oft wenig liebevoll sind:

  • Wie oft sage ich von mir selbst, dass das was ich gemacht habe schlecht war und ich mich mehr anstrengen muss?

  • Wie oft konzentriere ich mich auf scheinbare Mängel von mir und prangere diese an? Viel zu wenig Busen, schlechte Haare, nicht genug Kraft, viel zu langsam,...

  • Wie oft sage ich mir innerlich, dass ich ein Idiot bin, weil einen Fehler gemacht habe?

  • Wie oft glaube ich, dass ich nicht gut genug bin, so wie ich bin?

Auch diese Liste könnte ich endlos weiterführen. Doch stattdessen möchte ich noch einen weiteren Aspekt hineinbringen, der mir in dieser Woche besonders bewusst geworden ist: die Annahme unsere Gefühle.


Die tiefste Verletzung, die wir uns selbst zuführen können, ist, dass wir unsere Gefühle nicht so annehmen wie sie sind. Diese Verletzung ist so tief, dass wir sie oft nicht einmal bemerken. Weil wir uns schon so sehr an sie gewöhnt haben.

Indem wir unsere Gefühle nicht fühlen und sie verdrängen wollen, verdrängen wir auch einen Teil von uns selbst. Einen Teil unserer Persönlichkeit, der gesehen und angenommen werden möchte. Und damit nehmen wir uns selbst nicht so an, wie wir wirklich sind. Und das tut weh und zerstört unseren Selbstwert.




Schritt 2: Verletzungen als Chance nutzen


Das bedeutet allerdings nicht, dass Verletzungen per se schlecht sind. Denn jede Erfahrung, die wir in unserem Leben machen, ist wertvoll und sinnvoll.

Verletzungen können uns unglaublich viel lehren und lernen. Sie zeigen uns, dass wir etwas übersehen oder eine falsche Richtung eingeschlagen haben.

Solange ich mich selbst also nicht verurteile für all die Verletzungen, die ich wahrgenommen habe, kann daraus sehr viel Gutes entstehen. Denn im nächsten Schritt kann ich mir überlegen, wie ich stattdessen in diesen Situationen reagieren möchte, um daraus zu wachsen:

  • Wie möchte ich anderen Menschen gegenübertreten?

  • Wie möchte ich über andere denken?

  • Wie möchte ich über mich selbst denken?

  • Und wie möchte ich mit meinen eigenen Gefühlen umgehen?

Um uns selbst nicht zu überfordern, lohnt es sich in kleinen Schritten zu starten:


Indem wir täglich in nur einer einzigen Situation ganz bewusst Ahimsa üben, werden wir mit der Zeit immer achtsamer und wachsen Stück für Stück über uns selbst hinaus.

Was für eine schöne Übung. ♥


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