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Der eigenen Stimme vertrauen

Aktualisiert: Jan 29

Wie oft in deinem Leben hörst du auf deine innere Stimme, deine Intuition? Und wie oft hörst du auf die Gedanken, die dir sagen, wie es richtig gehört? Wie du sein musst, dich verhalten sollst, um ein gewisses Bild von dir zu erschaffen, das anderen gefällt und das dich gut dastehen lässt? Wie oft bist du mutig und gehst deinen Weg, unabhängig davon, ob er anderen gefällt? Und wie oft lässt du dich von der Angst, die du in dir verspürst, zurückhalten, in deinen alten Begrenzungen verharren?



Dieser Blogartikel ist mir sehr schwergefallen. Eigentlich wollte ich heute über die Wirkung von Musik und Singen schreiben. Mit ganz vielen tollen Fakten. Ganz souverän. Ganz schlau. Doch irgendwie habe ich nicht wirklich die Worte dafür gefunden. Und so ist ein ganz anderer Artikel entstanden, mein bisher ehrlichster und längster. Einer über Ängste, Intuition und die eigene Stimme.


Die Geschichte mit den Ängsten


Ich habe sehr oft Angst. Vor vielen Dingen. Und meistens steckt eine große Grundangst dahinter: Nicht gut genug zu sein, so wie ich bin. Daraus resultieren viele andere Ängste: Blöd dazustehen. Nicht mehr geliebt zu werden. Allein zu sein, weil andere mich nicht mehr mögen. So nicht richtig zu sein, wie ich bin und mich daher lieber zu verstellen. Nicht zu sehr aufzufallen. Ja nichts falsch zu machen. All diese Ängste führen dazu, dass ich nie ganz frei bin. Dass ich Dinge nicht genauso ausspreche, wie meine Seele es gerade bräuchte. Sondern lieber eine Formulierung wähle, die mir hilft, einen Teil von mir zurückzuhalten. Einen Teil von mir im Verborgenen zu lassen und von der Außenwelt zu verstecken. Meinen kleinen Panzer aufrechtzuerhalten, der mich beschützt.


Doch solange ich glaube, dass ich mich vor etwas schützen muss, dass etwas nicht so sein darf, wie es eigentlich ist, werde ich nie mein volles Potenzial entfalten. Ich werde nie die volle Freiheit erlangen, nie meine volle Größe erkennen. Weil ich meine Handlungen immer an dem messen werde, was nicht sein darf. Und Worte und Taten vermeide, mit denen ich Gefahr laufen würde, diese Grenzen zu durchbrechen.


Wir alle haben vor etwas Angst. Manche von uns spüren ihre Ängste deutlicher als andere. Manche haben mehr Ängste, andere weniger. Aber in jedem von uns gibt es diese Stellen, die unter Verschluss gehalten werden. Die wir nicht sehen wollen. Und noch weniger anderen zeigen wollen. Und doch ist es so wertvoll diese Ängste zu überwinden (siehe dazu auch: Die Angst als Wegweiser).


Ich habe den Großteil meines Lebens in der Angst gelebt. Und meistens war mir das nicht einmal so stark bewusst.

Ich habe es gut versteckt – vor den anderen aber auch vor mir selbst. Und obwohl ich im vergangenen Jahr soviele Ängste überwunden, soviele Widerstände durchbrochen und sooft über mich hinausgewachsen bin, bestimmen manche Ängste noch genauso machtvoll über mein Leben, wie vor einem Jahr. Weil ich sie bisher vermieden habe, ihnen ausgewichen bin. Und das war auch gut so, denn bisher war ich noch nicht bereit sie freudvoll in mein Leben einzuladen. Doch ich spüre immer mehr, dass es jetzt an der Zeit ist, mich allem zu öffnen, was noch im Dunklen verborgen liegt.


Von der Angst Richtung Freiheit


Und so möchte ich nun doch auch den Bogen ein bisschen zu dem bringen, worüber ich heute eigentlich schreiben wollte: Das Singen. Und was es mit mir und meinen Ängsten gemacht hat und immer noch tut. Dazu hole ich jetzt ein bisschen aus und möchte dir eine Geschichte erzählen: Als ich letzten Herbst meine Yogalehrer-Ausbildung begonnen habe ging es mir nicht gut.

Ich hatte viele körperliche Probleme und die Angst etwas falsch zu machen war so groß, dass ich nichts mehr zu sagen hatte.

Gespräche mit fremden Menschen haben mich in Stress versetzt – aber selbst Gespräche mit meinen engsten Freunden waren eine Herausforderung für mich. Weil ich ihnen nichts mehr zu sagen hatte. Weil ich so große Angst hatte etwas Blödes zu sagen, dass mein Kopf komplett leer war und ich keine Worte finden konnte. Im besten Fall haben wir über lustige Erfahrungen aus der Vergangenheit gesprochen oder über Dinge, die uns im Job nerven. Meistens habe ich das Gespräch unterbewusst dann irgendwie auf eine meiner körperlichen Beschwerden gelenkt. Und war froh über die Aufmerksamkeit, die ich als Mensch dadurch bekommen habe. Gleichzeitig hat das Mitleid, das mir geschenkt wurde, auch einen Widerstand in mir ausgelöst. Denn Mitleid wollte ich eigentlich nicht. Und doch habe ich es magisch angezogen. Weil ich mir selbst ja so leidgetan habe.


Aber zurück zur eigentlichen Geschichte: Im Zuge der Yogalehrer-Ausbildung sind wir über ein Wochenende gemeinsam weggefahren. Wir hatten ein sehr dichtes Programm: täglich von 7 Uhr bis 21 Uhr. Und es stand auch mehrmals „Mantra singen“ auf der Agenda. „Pfff…was soll der Scheiß?“ habe ich mir im Vorfeld gedacht. Ich will doch lieber lernen, wie mein Körper funktioniert und nicht meine Zeit mit Singen vergeuden. Außerdem kann ich ja gar nicht singen. Will ich auch gar nicht. Noch heute verkrampft sich mein Bauch, wenn ich an all das denke.

Noch heute sagt eine Stimme in mir: Halt dich besser zurück. Und doch sprechen alle Erfahrungen des letzten Jahres dafür, dass Zurückhaltung mich in den seltensten Fällen freier und glücklicher gemacht hat. Also weiter.

Mit dem Singen Ängste überwinden


Was an diesem Yoga-Wochenende mit mir passiert ist, kann mein Verstand noch heute nicht so recht greifen. Tatsache ist, dass ich eine sehr große innere Abwehrhaltung gegen das Singen hatte. Und eine Heidenangst. Es ist mir zu Beginn sehr schwer gefallen ist mich darauf einzulassen. Weil ich das ja auch gar nicht wollte. Ich wollte ja nicht singen. Eigentlich. Noch dazu Wörter in einer Sprache zu singen, die ich nicht verstehe und für die mir keiner eine sinnvolle wörtliche Übersetzung liefern kann. Pfff…Zeitverschwendung! Und trotzdem – oder gerade deswegen - hat es soviel mit mir gemacht.


Nach 4 Tagen war ich voller Energie und die Erschöpfung, die davor so stark in mir war, war plötzlich weg. Von all dem Atmen, der vielen körperlichen Bewegung, dem gemeinsamen Lachen, dem frei sein, den vielen offenen Gesprächen mit meinen Kolleginnen aus der Ausbildung und auch dem Singen. Welche Rolle das Singen dabei gespielt hat, ist mir erst am nächsten Tag so recht bewusst geworden. Denn obwohl ich das Atmen und die körperliche Bewegung (von denen ich ja dachte, dass sie der Hauptgrund für meine Energie waren) alleine Zuhause gemacht habe, war ich nicht zufrieden.

Ich habe gespürt, dass etwas fehlt. Dass eine unglaubliche Sehnsucht nach dem Singen da ist.

So stark, dass ich am nächsten Tag ins Studio meines Yogalehrers Boris gegangen bin, zu einem Kurs, von dem ich eigentlich Angst hatte, weil ich dachte, dass das für meinen schwachen Körper zu anstrengend ist. Und so hat das Singen und die vielen schönen Geschichten, die mein Yogalehrer uns immer erzählt, mir geholfen meine Grenzen auszuweiten. Denn obwohl ich mir sooft innerlich vorgebetet habe, dass ich diese oder jene Yogaübung unmöglich machen kann mit meinem Körper und dieser ganze Yogastil ja ohnehin nichts für mich ist und ich besser etwas sanfteres für meinen sensiblen Körper machen sollte, konnte ich es nicht loslassen. Ich konnte nicht aufhören, immer und immer weiterzumachen. Und ich durfte dadurch über meine eigenen Grenzen hinauswachsen. Erkennen wozu ich in der Lage bin, wenn ich liebevoll an etwas dranbleibe.


Warum wir alle nicht singen können


Und obwohl das Singen mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat, so hat es doch sehr lange gedauert, bis ich mir meine eigene Stimme auch wirklich erlaubt habe. Ich habe solange ganz leise mitgesungen und war jedes Mal peinlich berührt, wenn ich mich ein bisschen versungen habe und meine Stimme doch kurz zu hören war. Weil ich mir ja weiterhin gesagt habe: „Du kannst nicht singen.“ Bis ich beschlossen habe, dass ich keine Lust mehr habe das zu glauben. Wer sagt denn, dass ich nicht singen kann? Jeder Mensch kann singen.

Die eigene Stimme in Schwingung zu versetzen ist so natürlich wie atmen. Was mich davon abgehalten hat es zu tun? Die Angst etwas falsch zu machen.

Ich habe mir selbst sooft gesagt, dass nicht nicht singen kann, dass ich es selbst geglaubt habe. Ich habe den Zugang zu meiner Stimme verloren. Ich habe gedacht, dass meine Stimme falsch und hässlich ist, nur weil sie anders klingt als die der anderen. Und so ist die Aussage „Ich kann nicht singen“ für mich ein Spiegel dessen, dass ich auch sonst meiner eigenen Stimme nicht vertraut habe. Dass ich mich auch sonst zurückgehalten habe, nicht meinen eigenen Weg gegangen bin. Dass ich auch sonst nicht ausgesprochen habe, was meine Seele wirklich braucht. Dass ich mich auch sonst lieber bedeckt gehalten habe und lieber in der breiten Masse untergegangen bin, als blöd dazustehen.


Die eigene Stimme finden


Ich habe die letzten Wochen genutzt, um mich auf die Suche nach meiner eigenen Stimme zu machen. Ich habe mir Instrumente gekauft, spiele täglich mit ihnen und singe dazu. Und lasse dabei los. Die Erwartungen, wie meine Stimme zu klingen hat. Das Ego, das mir sagt, wie schnell ich jetzt bitte diese Instrumente vernünftig zu lernen habe, weil ich ja nicht einfach nur irgendwas tun kann. Die Ängste, was die Nachbarn da wohl denken werden, wenn sie mich hören. Die Kontrolle über alles und jeden. Und ich übe Hingabe: Hingabe an den Augenblick. Einfach nur zu sein. Ohne denken. Ohne wo hinzumüssen. Ohne etwas erreichen zu wollen. Singen um des Singen willens.

Ich spüre, wie meine Seele dabei lacht. Wie sie sich freut endlich gehört zu werden. Und wie sich eine tiefe Zufriedenheit und ein innerer Frieden in mir ausbreiten, die ich so noch nicht gekannt habe.

Und auf einmal war da auch diese andere Stimme in mir viel deutlicher, die mir sagt, welchen Weg ich noch gehen darf. Die Intuition, die mir meinen Weg leitet und mir Talente offenbart, von denen ich nicht wusste, dass ich sie in mir trage. Und eine nie da gewesene Sicherheit. Das zu sagen, was ich gerade denke, mich anderen zu zeigen, aus mir herauszugehen.


Durch das Singen, habe ich Ängste überwunden, die mir bisher unüberwindbar erschienen sind. Ich habe meine Kreativität wiedergefunden und zu einem nie dagewesenen Höhepunkt gebracht. Ich sprühe voller Ideen und setze diese auch tatsächlich um. Und das mit einer Leichtigkeit und Freude, wie ich sie von mir noch selten erlebt habe.

Und so ist dieser Artikel doch ein kleines Plädoyer fürs Singen geworden. Dafür, die inneren Grenzen zu weiten und neugierig und spielerisch zu erkunden, was sich hinter ihnen verbirgt. Und wieder Zugang zur eigenen Stimme zu finden – sowohl nach innen hin, als auch nach außen.


Daher möchte ich euch heute einladen zu singen. Egal was. Dreht euch euer Lieblingslied auf und singt lauthals mit. Aus ganzem Herzen. Eure Seele wird sich freuen. Und euer Körper auch.



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