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Achtsam im Hier und Jetzt – wie wir alten Schmerz loslassen

Aktualisiert: Jan 29


Achtsamkeit ist in aller Munde. Was damit gemeint ist? Den aktuellen Augenblick genauso anzunehmen und wahrzunehmen, wie er ist. Ohne mit den Gedanken im Gestern und im Morgen zu sein. Doch was, wenn du gewisse Gedanken aus der Vergangenheit einfach nicht loslassen kannst? Was wenn sie dich verfolgen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit immer und immer wieder auftauchen? Dann lohnt es sich den Blick noch ein letztes Mal hinzuwerfen, um zu erkennen, welche Botschaft hier noch im Verborgenen liegt.


Wenn dich Vergangenes nicht loslässt

„Die Zeit heilt alle Wunden.“ Vermutlich kennst du diesen Spruch. Und in vielen Momenten stimmt er auch.

Es gibt aber auch Themen, die einen zu verfolgen scheinen und einen einfach nicht loslassen. Erfahrungen oder Glaubenssätze aus der Vergangenheit, die sich in den unterschiedlichsten Situationen immer und immer wieder offenbaren.

Ich habe mir lange gesagt, dass es ja Blödsinn ist, dass ich immer wieder daran denke und mich geärgert, wenn diese unangenehmen Gedanken wieder hochgekommen sind. Ich habe sie dann immer und immer wieder runtergeschluckt, nach hinten geschoben. Mein Körper hat mich freundlicherweise mit Sodbrennen und Reflux immer wieder darauf hingewiesen, dass da etwas gesehen werden will.


Als ich mit einer Psychotherapie begonnen habe, haben wir viele diese Themen angesprochen, bewusst hingeschaut und den Schmerz nochmal aufleben lassen. Und obwohl mir das zu der einen oder anderen Erkenntnis verholfen hat, so hat es mich doch nicht wirklich weitergebracht und ich konnte auch damit diese Erfahrungen nicht loslassen.


Denn gerade, wenn es um negative Erlebnisse aus der Kindheit geht, in der auch andere Personen involviert waren, kann das Wiederaufleben dieser Erfahrungen dazu führen, dass wir in ein Schwarz-Weiß-Denken verfallen: Wir geben der anderen Person, die uns diesen Schmerz und diese negative Erfahrung zugeführt hat, die Schuld und machen sie für unser heutiges Leid verantwortlich.

Und auch wenn uns unsere Erfahrungen in der Kindheit sehr stark prägen, so gefällt mir persönlich diese Opferhaltung nicht, in die wir uns begeben, wenn wir alten Schmerz dramatisieren.

Die Botschaft erkennen


Nichtsdestotrotz glaube ich daran, dass uns Erfahrungen und Geschichten, die uns einfach nicht loslassen wollen, etwas zu sagen haben. Und, dass es wert ist hier nochmal hinzuschauen. Denn wenn dich etwas nicht loslässt, dann ist für dich noch ein wichtiger Lernprozess versteckt, den du bisher übersehen hast.

Jede Erfahrung – egal wie schrecklich sie auch gewesen sein mag – beinhaltet auch ein Geschenk für uns. Etwas, das wir daraus lernen dürfen.

Und so lohnt es sich sich selbst die Fragen zu stellen

„Was ist hier das Geschenk? Was habe ich noch übersehen? Was darf ich hier noch lernen?“

Am besten stellst du dir diese Fragen schriftlich und notierst alles, was dir dabei in den Sinn kommt.


Ein Beispiel aus meinem Leben


Um das Ganze besser verständlich zu machen, möchte ich dir gerne ein Beispiel aus meinem Leben geben. Mich hat sehr lange der Tod meines Großvaters nicht losgelassen. Obwohl dieser bereits 15 Jahre her ist, so hat mich bis vor einem Jahr der Moment verfolgt, als ich ihn das letzte Mal lebend gesehen habe.


Ich habe ihn kurz vor seinem Tod noch einmal im Krankenhaus besucht. Ich wollte eigentlich nicht dort sein, denn mit meinen 16 Jahren hat mich die Konfrontation mit der Krankheit und dem Tod überfordert. Mein Großvater war auch nicht mehr wirklich ansprechbar, war mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Ich hatte nach kurzer Zeit das Bedürfnis wieder zu gehen und als ich mich verabschiedet habe, hat er plötzlich meine Hand gegriffen und sie ganz fest gedrückt. Ich bin noch einen kurzen Moment geblieben aber hatte sehr schnell das Bedürfnis zu gehen, habe meine Hand aus seinem festen Griff gelöst und bin gegangen. Als er wenige Tage später verstorben ist hat mich sein Tod stark erschüttert. Und immer und immer wieder ist die Szene meines letzten Besuches hochgekommen. Jedes Mal haben mich diese Gedanken zum Weinen gebracht, ich habe mir Vorwürfe gemacht, warum ich nur so blöd war zu gehen.


Alten Schmerzen gehen lassen


Selbst 10 Jahre noch seinem Tod war der Schmerz noch genauso präsent.


Erst vor einem Jahr konnte ich den Schmerz auflösen. Als mir bewusst geworden ist, dass diese Erfahrung noch eine wichtige Botschaft für mich enthält.

Und zwar: Nutze die Zeit mit den Menschen, die du liebst und widme ihnen deine volle Aufmerksamkeit, wenn du sie siehst. Mir ist auf einmal klar geworden, dass ich auf keinen Fall möchte, dass mir dasselbe mit meiner Oma passiert.


Daraufhin habe ich begonnen sie öfter zu besuchen und ihr auch wirklich zuzuhören. All meine Sinne auf sie zu richten, wenn sie mir etwas erzählt. Ihre Geschichten nicht im Kopf zu bewerten, sondern einfach achtsam wahrzunehmen, was sie mir zu sagen und zu erzählen hat. Denn früher habe ich ihr immer schlaue Ratschläge erteilt, ihr nicht immer in die Augen geschaut, sondern mich immer wieder von meinem Handy oder meinen Gedanken ablenken lassen. Und ich habe gemerkt welchen Unterschied das für uns beide macht. Wir alle haben tief in unserem Innen den sehnlichen Wunsch wahrgenommen und gehört zu werden – und zwar so, wie wir sind.

Und so ist aus der traurigen Erfahrung eines der größten Geschenke geworden, das ich in meinem Leben bekommen habe.

Denn dadurch habe ich meine Oma von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Ich durfte erkennen, wie ähnlich ich ihr bin und wieviel ich von ihr lernen kann. Und unsere Beziehung ist dadurch soviel tiefer und inniger geworden, als ich es je gedacht hätte.


Wenn ich jetzt an meinen Opa denke, dann treibt mir der Gedanke an meinen letzten Besuch nicht mehr die Tränen in die Augen.

Ich spüre ein inneres Lächeln, eine Zufriedenheit, weil ich weiß, dass diese Erfahrung wichtig für mich war, um etwas daraus zu lernen. Und weil ich weiß, dass ich immer das Beste bin, was ich im aktuellen Augenblick gerade sein kann.

Jeder Mensch ist immer das Beste, was er gerade sein kann. Und wir brauchen all diese schmerzhaften Erfahrungen, um zu lernen, zu wachsen und schließlich der Mensch zu werden, der wir sein wollen.



Heutige Übung


Und so lade ich dich heute ein, achtsam deine Gefühle und Gedanken zu beobachten. Und wenn du merkst, dass es Themen gibt, die dich verfolgen, die dich einfach nicht loslassen: Nimm dir die Zeit und setze dich mit ihnen auseinander. Blicke tiefer. Mache dich auf die Suche nach dem Geschenk darin. Und wenn du es gefunden hast: Nimm es liebevoll an. Mit einem Lächeln. In Dankbarkeit.



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